Die demographische Schrumpfung ist im Westen Deutschlands angekommen. Aktuelle Deutschlandkarten dokumentieren das überraschende Ausmaß des regionalen Strukturwandels und die beeindruckende Dynamik. Sie zeigen zudem ein ungewohntes Raummuster: Neben prosperierenden Metropolregionen sind bereits große Teile Westdeutschlands vom Schrumpfungsprozess betroffen. Als Folge zeichnet sich ab, dass die Kluft zwischen wirtschaftlich starken und schwachen Regionen zunimmt.

Wenn bisher über Bevölkerungsverluste in Deutschland gesprochen wurde, so bezog sich das vornehmlich auf Ostdeutschland mit einem Einwohnerrückgang von weit über zwei Millionen seit 1990. In Westdeutschland waren rückläufige Einwohnerzahlen dagegen lange Zeit auf altindustriell geprägte Räume im Ruhrgebiet und im Saarland sowie auf wenige strukturschwache ländliche Regionen begrenzt. Seit Mitte des letzten Jahrzehnts ist es jedoch zu einem deutlichen Wandel dieses räumlichen Musters gekommen: Der Bevölkerungsrückgang hat sich innerhalb kurzer Zeit auf große Teile der alten Länder ausgedehnt (Karten 1 u. 2, Glossar).

Trendwende vom Wachstum zur Schrumpfung
Mit dem Jahr 2006 verzeichnete Westdeutschland erstmals seit Mitte der 1980er-Jahre wieder rückläufige Einwohnerzahlen. Dies war ein deutliches Zeichen für eine Trendwende vom Wachstum zur Schrumpfung, wie sie in den Bevölkerungsprognosen bereits vorausberechnet wurde (Statistisches Bundesamt 2009). Konnten im Jahr 2000 noch rund zwei Drittel aller Städte und Gemeinden im Westen Deutschlands Einwohnerzuwächse verbuchen, so hat sich am Ende des Jahrzehnts das Verhältnis zwischen wachsenden und schrumpfenden Kommunen umgekehrt (Karten 3 u. 4). Bemerkenswert für diese Entwicklung in den letzten Jahren ist, dass die Trendwende die alten Länder früher erreichte als erwartet. Eine wesentliche Ursache hierfür war die rapide Abnahme der Zuwanderung aus dem Ausland. Bereits 2004 fiel der jährliche Migrationssaldo Deutschlands unter die Schwelle von 100.000 Personen, seit 2008 verzeichnet Deutschland sogar ein Negativsaldo. Da sich auch die Wanderungsgewinne aus Ostdeutschland (ohne Berlin) in den letzten Jahren verringerten – im Jahre 2009 waren es noch 32.000 – konnte das bereits seit Jahrzehnten bestehende Geburtendefizit nicht mehr ausgeglichen werden. Demographische Schrumpfung infolge fehlender Zuwanderung und anhaltender Sterbefallüberschüsse findet man heute folglich nicht mehr allein in einzelnen Regionen, sie ist zu einem großräumigen Phänomen in Westdeutschland geworden.

Zunehmende regionale Differenzierung
Bereits heute zeichnet sich ab, dass dieser demographische Schrumpfungsprozess regional sehr differenziert erfolgen wird. Das Anfang 2000 noch durchgängige Wachstumsband von Bayern bis Schleswig-Holstein hat sich weitestgehend aufgelöst. Westdeutschland ist heute bereits ein demographischer Schrumpfungsraum mit mehr oder weniger großen Inseln residualen Wachstums (Karten 1 u. 2) – ein  Raummuster, das fast dem Ostdeutschlands gleicht (Herfert 2008). Während jedoch in den neuen Ländern die stark schrumpfenden Regionen (<-1% pro Jahr) dominieren, ist der Negativtrend in Westdeutschland quantitativ noch schwach ausgeprägt. Anzeichen für stärkere regionale Schrumpfungsprozesse findet man jedoch bereits entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze sowie in Teilen von Rheinland-Pfalz.

Aus dieser demographischen Schrumpfungslandschaft heben sich die Inseln des Wachstums hervor, in erster Linie die metropolitanen Regionen Hamburg, München, Frankfurt a.M., Stuttgart, Rhein-Neckar, Köln/Bonn und Nürnberg, vorrangig getragen vom Bevölkerungswachstum der Kernstädte. Zu den Inseln des Wachstums zählen aber auch verstädterte Zonen am Oberrheingraben und agglomerationsferne Regionen wie das Weser-Ems-Gebiet und der Bodenseeraum. Mit seiner hohen Wachstumsdynamik hebt sich München mit seinem engeren Umland besonders hervor. Eine ähnliche Konstellation findet man in Deutschland nur noch in der Region Potsdam, bedingt durch die Lage zu Berlin und die von beiden Städten getragene Suburbanisierung.

Suburbanisierung – ein Auslaufmodell
In den Wachstumsregionen Westdeutschlands ist der über Jahrzehnte zu beobachtende Prozess der Suburbanisierung weitestgehend zum Erliegen gekommen (Geppert / Gornig 2010), die charakteristischen dynamischen Wachstumsringe um die Kernstädte lassen sich in deutlich abgeschwächter Form nur noch in wenigen großen Stadtregionen erkennen, wie z.B. in München und Hamburg. Der ehemals prosperierende suburbane Raum ist zunehmend von Bevölkerungsverlusten betroffen. Nur im näheren Umland der großen Städte sind noch Wachstumsprozesse zu beobachten. Somit ist heute bereits die Bevölkerungsentwicklung vieler Kernstädte günstiger als die ihres Umlandes (Graphik 1). Diese Trendverschiebung zugunsten der Städte seit 2000 war Anlass für einen breiten öffentlichen Diskurs zur Renaissance der Stadt. Geprägt durch die wachsenden wirtschaftlichen Disparitäten zwischen den Regionen infolge der Globalisierung konzentriert sich die Bevölkerungszunahme jedoch nur auf Städte in den Wachstumsregionen (Graphik 2), und das betrifft hier neben den Großstädten auch viele Mittel- und Kleinstädte (Karte 5). Hingegen ist in den schrumpfenden Regionen – mit wenigen Ausnahmen – eine negative Bevölkerungsentwicklung der Städte dominant. Besonders negativ betroffen sind die Ruhrgebietsstädte wie z.B. Duisburg, Bochum und Hagen oder die Hafenstädte Bremerhaven und Wilhelmshaven sowie das niedersächsische Salzgitter, wo der Negativtrend sogar stärker ist als im jeweiligen Umland (Graphik 1).

Metropolitane Regionen – Gewinner der Trendwende
Es sind folglich nicht die Städte an sich, die eine Renaissance erfahren, es sind die prosperierenden metropolitanen Regionen, die aus dem demographischen Wandel als Gewinner hervortreten. Ursache dieser Entwicklung ist die neue Attraktivität der größeren Städte vor dem Hintergrund des demographischem Wandels und des ökonomischen Strukturwandels. Positive Bevölkerungs- und Beschäftigtenentwicklung sind hier gekoppelt (Geppert / Gornig 2010). Hinter diesem Trend zur räumlichen Konzentration demographischer und wirtschaftlicher Potenziale steht eine Vielzahl von Faktoren. Es sind zum einen neue Lebensbiographien, die, getragen von neuen Wohnleitbildern, auf das urbane Leben, auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gerichtet sind. Es ist zum anderen die Neuprofilierung stadtregionaler Arbeitsmärkte durch Cluster von Wissenschaft/Forschung und von wirtschaftlichen Zukunftsfeldern, die Entstehung neuer, insbesondere wissensbasierter Dienstleistungen mit größerer Affinität zu städtischen Standorten. Die neue Attraktivität der größeren Städte hat die starke Zuwanderung junger Bevölkerungsgruppen und ihr Bleiben im urbanen Milieu verstärkt. Dieser so genannte Kohorteneffekt hat in vielen Städten sogar zu einem Geburtenüberschuss geführt – auch hier eine Entwicklung entgegen dem nationalen Trend.

Trend
Wenngleich erst in Ansätzen ausgeprägt, so hat sich die regionale Differenzierung der demographischen Entwicklung in Westdeutschland seit 2004 verstärkt. Während die Kernstädte der Wachstumsinseln bis 2008 eine Bevölkerungszunahme von ca. 2% hatten, verdoppelten sich die Bevölkerungsverluste der Kernstädte in den Schrumpfungsräumen gegenüber der ersten Hälfte des Jahrzehnts auf -2,3%. Ob dieser Trend analog zu Ostdeutschland zu einer regionalen Polarisierung führt (Herfert 2008), ist entscheidend von der Zuwanderung aus dem Ausland abhängig. Bleibt diese aus, verstärkt sich infolge des demographischen Wandels der Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte zwischen den Regionen zunehmend. Die Folge wäre auf der einen Seite eine weitere Konzentration von demographischen und ökonomischen Potenzialen in den attraktiven Wachstumsregionen und auf der anderen Seite das Einsetzen einer sich selbst verstärkenden Abwärtsspirale in den Schrumpfungsregionen. Das Ergebnis wäre eine wachsende Kluft zwischen ökonomisch starken und schwachen Regionen, worauf bereits in aktuellen Studien verwiesen wurde (Prognos 2010).

GEPPERT, Kurt u. Martin GORNIG (2010): Mehr Jobs, mehr Menschen: Die Anziehungskraft der großen Städte wächst. In: Wochenbericht des DIW Berlin, Nr. 19, S. 2-10.
URL:

http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.356612.de/10-19-1.pdf

Abrufdatum: 17.01.2011

HERFERT, Günter (2008): Bevölkerungsentwicklung – Wachsende Polarisierung in Ostdeutschland. In: Nationalatlas aktuell 2 (02/2008) [29.02.2008]. Leipzig: Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL).
URL:
http://aktuell.nationalatlas.de/Bevoelkerungsentwicklung-Ostdeutschland.2_02-2008.0.html

PROGNOS (Hrsg.) (2010) : Prognos Zukunftsatlas 2010 – Deutschlands Regionen im Zukunftswettbewerb. Berlin.
URL:
http://www.prognos.com/fileadmin/pdf/downloads/Prognos_Zukunftsatlas_2010_ Auf_einen_Blick.pdf
Abrufdatum: 17.01.2011

StÄdBL (Statistische Ämter des Bundes und der Länder) (Hrsg.) (2000-2010): Auszug aus dem Gemeindeverzeichnis. Wiesbaden.

STATISTISCHES BUNDESAMT (2009): Bevölkerung Deutschlands bis 2060. 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung. Begleitmaterial zur Pressekonferenz am 18. November 2009 in Berlin. Wiesbaden.
URL:
http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/pk/2009/Bevoelkerung/pressebroschuere__ bevoelkerungsentwicklung2009, property=file.pdf
Abrufdatum: 17.01.2011

Zitierweise
Herfert, Günter u. Frank Osterhage (2011): Bevölkerungsentwicklung – Schrumpfung auch im Westen angekommen. In: Nationalatlas aktuell 5 (01.2011) 1 [24.01.2011]. Leipzig: Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL).
URL:
http://aktuell.nationalatlas.de/Bevoelkerungsentwicklung-1_01-2011.0.html

Dr. Günter Herfert
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Leibniz-Institut für Länderkunde
Schongauerstraße 9
04328 Leipzig
Tel.: (0341) 600 55 113
E-Mail: G_Herfert@ifl-leipzig.de

Dipl.-Ing. Raumplanung Frank Osterhage
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
ILS – Institut für Landes-
und Stadtentwicklungsforschung
Brüderweg 22–24
44135 Dortmund
Tel: (0231) 231 9051 216
E-Mail: frank.osterhage@ils-forschung.de

Gegenstand der in diesem Beitrag vorgestellten Untersuchung ist eine quantitativ ausgerichtete Analyse der aktuellen Bevölkerungsentwicklung Deutschlands nach Gemeinden. Der Untersuchungszeitraum reicht vom 31.12.1999 bis zum 31.12.2008. Da innerhalb dieses Zeitraumes in Westdeutschland ein Trendbruch der demographischen Entwicklung vom Wachstum zur Schrumpfung einsetzte, wurden die Jahre 1999 bis 2004 und 2004 bis 2008 analytisch gegenübergestellt.

Die absoluten Daten zum Bevölkerungsstand stammen aus dem amtlichen Gemeindeverzeichnis, das jährlich durch die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder herausgegeben wird. Aus Gründen der Vergleichbarkeit erfolgten eine Bereinigung der Gemeindedaten zum Gebietsstand Ende des Jahres 2008 und eine Berechnung der jährlichen Bevölkerungsentwicklung der Gemeinden in Prozent.

Auf Grundlage der durchschnittlichen jährlichen Bevölkerungsentwicklung der Gemeinden für die Zeiträume 1999 bis 2004 und 2004 bis 2008 (Karten 3 u. 4) wurden Regionen unterschiedlicher Bevölkerungsdynamik nach ihrer Homogenität abgegrenzt, wobei den Städten als Zentren der Regionalentwicklung eine besondere Gewichtung gegeben wurde (Karten 1 u. 2).