Die Lyme-Borreliose hat in Deutschland stark zugenommen. Nach aktuellen Schätzungen rechnet man mit bis zu 100.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Die durch Zeckenstiche übertragene Krankheit kann zu chronischen Entzündungen des Nervensystems, des Herzmuskels sowie der Gelenke führen und hohe Kosten für das Gesundheitssystem verursachen. Eine Deutschlandkarte dokumentiert die Verbreitung und Dichte der Borreliose und zeigt deutliche regionale Unterschiede.

Die Lyme-Borreliose, benannt nach einem Ort in Connecticut (USA), wo sie 1975 aufgrund einer Häufung von Gelenkerkrankungen bei Kindern entdeckt wurde, ist die häufigste durch Zecken übertragene Erkrankung in Europa und ist in der gesamten nördlichen Hemisphäre verbreitet (nicht zu verwechseln mit der Frühsommer-Meningoenzephalitis/FSME). Deutschland ist ein Hochendemiegebiet (Glossar): Etwa 5 bis 35% aller Zecken (überwiegend Ixodes ricinus, Foto) sind mit dem Erreger, den Borrelien, befallen. Als Erregerreservoir werden kleine Nagetiere und Vögel angesehen. Etwa 1,5 bis 6% aller Zeckenstiche führen zu einer Infektion und 0,3 bis 1,4% zu einer manifesten Erkrankung. Die Krankheit verläuft nur sehr selten tödlich, verursacht aber hohe Kosten für das Gesundheitssystem. Man spricht deshalb von einer besonders Public-Health-relevanten Zoonose (Glossar).

Erkrankung und Symptome
Die schon seit langem bekannte klinische Symptomatik kann sehr vielgestaltig sein. Als Frühform – Tage bis Wochen nach dem Zeckenstich – tritt in 90% aller Fälle die Wanderröte, ein scharf abgegrenztes Erythem, auf der Haut auf. Allgemeinsymptome wie Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen sowie Lymphknotenschwellungen können hinzutreten. Chronische Entzündungen des Nervensystems, des Herzmuskels sowie der Gelenke sind gefürchtete Komplikationen.

Erfassung und Häufigkeit
Eine Meldepflicht besteht derzeit nur in den östlichen Bundesländern (Glossar). Dort werden jährlich 5.000 bis 6.000 Fälle gemeldet. Überträgt man diese Zahlen auf ganz Deutschland, ergäbe sich eine jährliche Zahl von 25.000 bis 30.000 Fällen. Basierend auf einer Studie zur Seroprävalenz (Glossar) in Niedersachsen rechnet man allerdings mit 60.000 bis 100.000 Neuerkrankungen pro Jahr (Poggensee u.a. 2008). Noch deutlich höher liegen Zahlen, die sich aus Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen ergeben: Demnach wurden allein im 3. Jahresquartal (Juli-September, gemittelt für die Jahre 2007-2009), auf das nach den Meldedaten etwa die Hälfte aller Neuinfektionen eines Jahres entfallen, 303.000 Behandlungsfälle abgerechnet (KBV 2011). Die Zahl der jährlichen kassenärztlichen Abrechnungsfälle (Glossar) in Deutschland liegt inzwischen bei einer Million.

Räumliche Verteilung
Die Karte, basierend auf den Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), zeigt hinsichtlich der Verbreitung der Borreliose deutliche regionale Unterschiede. Tendenziell nimmt die Dichte von Norden nach Süden zu, aber auch ein Ost-West-Gefälle ist deutlich erkennbar. Die höchsten Behandlungsraten (Glossar) treten in Brandenburg, Sachsen und Bayern entlang der Grenzen zu Polen und Tschechien mit teilweise über 1000 abgerechneten Behandlungen je 100.000 Einwohner im 3. Jahresquartal auf; auch Teile Frankens und der Pfalz weisen hohe Behandlungsraten auf. Im Gegensatz dazu finden sich niedrige Behandlungsraten (unter 100) insbesondere in den Agglomerationsräumen an Rhein und Ruhr. Allgemein ist zu beobachten, dass die Behandlungsraten in städtischen Ballungsräumen niedriger sind als in ihrem Umland (Beispiele: Berlin, Dresden, München, Frankfurt a.M., Köln, Bremen, Hamburg). Kleinräumige Studien ergaben zudem das Bild deutlicher lokaler Clusterungen.

Übertragung und Risikofaktoren
Zecken lauern häufig im Übergangsbereich zwischen Wald und Wiese, an Waldwegen und Wildwechseln ihren Wirten, zum Beispiel Rotwild, auf. Die Zersiedelung der Landschaft, Brachen und Sturmschäden begünstigen die Zunahme dieses Ökotons (Glossar). Die Infektionswahrscheinlichkeit beim Menschen ist abhängig vom Zeckenvorkommen, der Häufigkeit der Erreger in den Zecken ebenso wie in den Reservoiren (Nager), deren Populationsdichte sowie dem Verhalten der Menschen in Beruf und Freizeit. Der Aufenthalt in waldnahen Gärten, Hautkontakt mit Büschen oder Gras sowie Zeckenbefall von eigenen Haustieren erwiesen sich als Risikofaktor für Borreliose. Außerdem sind Kinder und ältere Menschen häufiger betroffen.

Klimawandel und Perspektive
Während der letzten Dekaden wurde in Europa sowohl eine Ausbreitung der Zecken in höhere Breiten als auch in größere Höhen beobachtet. Diese Veränderungen werden als Folgen von Klimaveränderungen angesehen. Da aber die Ökologie der Zecken sehr komplex ist, gibt es keinen einfachen Zusammenhang zwischen Temperatur und Borreliose-Häufigkeit. Auch Vegetation, Boden- und Luftfeuchtigkeit beeinflussen die Populationsdichte der Zecken. Milde Winter begünstigen eine höhere und früher im Jahr einsetzende Zeckendichte und -aktivität, wohingegen heiße trockene Sommer die Zeckenpopulationen dezimieren. In Nordamerika erwies sich die Anzahl der frostfreien Tage als entscheidender Parameter für die Zeckenausbreitung nach Norden. Die Prävalenz (Glossar) des Erregers in den Zecken ist assoziiert mit milden Wintern, großer sommerlicher und geringer saisonaler Temperaturamplitude sowie hohem Vegetationsindex im Mai bis Juni. Die meisten Experten gehen davon aus, dass die Lyme-Borreliose in den nächsten zehn Jahren an Bedeutung gewinnen wird und sich die Kosten für das Gesundheitssystem in diesem Zeitraum deutlich erhöhen werden.

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Bildnachweis
Zecke (Ixodes ricinus)
Urheber: James K. Lindsey, Quelle: http://de.wikipedia.org

Zitierweise
Kistemann, Thomas (2012): Regionale Verbreitung der Lyme-Borreliose. In: Nationalatlas aktuell 6 (04.2012) 4 [20.04.2012]. Leipzig: Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL).
URL:
http://aktuell.nationalatlas.de/Borreliose.4_04-2012.0.html

Prof. Dr. Thomas Kistemann
Head WHO CC / stv. Direktor IHPH
IHPH – Institut für Hygiene und
Öffentliche Gesundheit/Public Health
WHO CC für Wassermanagement und
Risikokommunikation zur Förderung
der Gesundheit
AG Medizinische Geographie und
Public Health
Universität Bonn
Sigmund-Freud-Str. 25
53105 Bonn
Tel.: 0228-287-15534
Fax.: 0228-287-19516
E-Mail: boxman@ukb.uni-bonn.de

Abrechnungsfall, Behandlungsrate, Hochendemiegebiet, Letalität, Meldepflicht, Ökoton, Prävalenz, Zoonose

Abrechnungsfall: Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) erhebt für ganz Deutschland quartalsweise und aufgeschlüsselt nach Diagnosen gemäß International Classification of Diseases (ICD 10) die Zahl der kassenärztlich abgerechneten Behandlungsfälle. Für die Borreliose (ICD 10 Diagnose: A.69.2) kann die Zahl der Abrechnungsfälle als guter relativer Indikator für die Verbreitung der Erkrankung herangezogen werden. Er ist aber weder mit der Inzidenz (Zahl der Neuerkrankungen pro Jahr) noch der Prävalenz (Zahl der Erkrankten) gleichzusetzen. Die Zahl der Abrechnungsfälle ist gegenüber diesen klassischen epidemiologischen Maßzahlen dadurch erhöht, dass einerseits bei längerer Behandlung quartalsweise jeweils ein neuer Abrechnungsfall generiert wird, und dass andererseits auch Arztwechsel während eines Abrechnungsquartals jeweils einen neuen Abrechnungsfall erzeugen. Erkrankungen von Privatversicherten werden durch die KBV-Statistik nicht erfasst.

Behandlungsrate: Verhältnis von Personen, die in einem definierten Zeitraum (z.B. Quartal, Jahr) gegen eine bestimmte Krankheit behandelt werden, und allen Personen der betrachteten Population (z.B. gesetzlich Krankenversicherte).

Hochendemiegebiet: Gebiet mit andauernd stark erhöhtem Auftreten einer Krankheit.

Meldepflicht: Das Infektionsschutzgesetz regelt in seinem 3. Abschnitt (§§ 6-15) die Pflichten zur Meldung gewisser Infektionskrankheiten an die Gesundheitsbehörde. Für einzelne Infektionen können die Bundesländer darüber hinausgehende Meldepflichten einführen. Für das Robert Koch-Institut (RKI) als Bundesoberbehörde, bei der die Meldedaten zusammenlaufen, sind eher zeitliche und räumliche Trends als die absolut gemeldeten Fallzahlen relevant, da diese bekanntermaßen stets unvollständig sind.

Ökoton: Übergangsbereich zwischen zwei Ökosystemen. Oft sind Ökotone besonders artenreich und weisen eine höhere Artenvielfalt auf als die Summe der Arten, die in den angrenzenden Gebieten vorkommen.

Prävalenz: Krankheitshäufigkeit; sie sagt aus, ein wie großer Anteil von Individuen einer bestimmten Population zu einem definierten Zeitpunkt an einer bestimmten Krankheit erkrankt ist oder den Krankheitserreger trägt. Angaben zur Seroprävalenz basieren auf der Bestimmung von Antikörpern gegen den Erreger im Blutserum der Individuen.

Zoonose: Infektion, die auf natürliche Weise zwischen Mensch und anderen Wirbeltieren übertragen werden kann.