Nicht nur im Osten Deutschlands hat die Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten einen erheblichen Strukturwandel durchlaufen. Die Zahl der Arbeitskräfte ist bundesweit deutlich zurückgegangen, und nur noch zwei von Hundert Erwerbstätigen arbeiten in diesem Sektor. Aktuelle Deutschlandkarten, die auf der Erwerbstätigenrechnung und der jüngsten Landwirtschaftszählung beruhen, zeigen ein differenziertes Bild mit deutlichen regionalen Unterschieden.

Lebensmittel spielen in unserem Alltag eine große Rolle. Fast jedes Kind verzehrt frische Milchprodukte, viele Erwachsene legen Wert auf regional erzeugtes Obst und Gemüse, Fleisch fehlt auf den wenigsten Buffets. Doch kaum ein Verbraucher hat einen Bezug zu den Menschen, die diese Produkte herstellen. Es sind in Deutschland nur 2,1 Prozent aller Erwerbstätigen. Außer Getreide, Kartoffeln, Milch und Fleisch erzeugen sie auch Bioenergie und sorgen für eine gepflegte Landschaft. Obwohl Qualität und Menge der landwirtschaftlichen Produkte immer weiter steigen, arbeiten heute ein Drittel weniger Menschen in den Landwirtschaftsbetrieben als noch vor 20 Jahren. Selbst in den ländlichsten Regionen ist es nur jeder zehnte Erwerbstätige.

Vor allem in Westdeutschland führen Familienarbeitskräfte einen großen Teil der landwirtschaftlichen Arbeiten aus. Ihre Arbeitszeit wird meist nicht formal erfasst und es ist daher gar nicht so einfach, verlässliche Zahlen über die tatsächlich geleistete Arbeitszeit oder gar ihre Qualität zu erhalten. In Deutschland nutzen die Statistiker im Wesentlichen zwei verschiedene Quellen.

Die Berechnung der Agrarquote basiert auf jährlichen Daten der Erwerbstätigenrechnung, die u.a. auf repräsentativen Haushaltsbefragungen beruht (Glossar). Gemessen am Anteil an den Erwerbstätigen aller Wirtschaftsbereiche liegen Mecklenburg-Vorpommern (3,9 Prozent), Brandenburg (3,6 Prozent) und Niedersachsen (3,3 Prozent) vorn (Karte 1). In den Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg arbeitet nur einer von 200 Erwerbstätigen in der Agrarproduktion (Glossar). Nach dieser Quelle verbucht Bayern die meisten Erwerbstätigen in der Landwirtschaft (190.400), gefolgt von Nordrhein-Westfalen (130.500) und Niedersachsen (120.400) (StBA/StLÄ 2012c).

Die Angaben zu den Arbeitskräften nach Beschäftigungskategorien (Familienarbeitskräfte, ständige Arbeitskräfte und Saisonarbeitskräfte) entstammen hingegen der im mehrjährigen Abstand durchgeführten Landwirtschaftszählung, bei der gezielt landwirtschaftliche Betriebe befragt werden (Glossar). Nach dieser Quelle ändert sich die Rangfolge der Länder mit den meisten Beschäftigten in der Landwirtschaft: Es sind Bayern (257.419), Baden-Württemberg (190.117) und Niedersachsen (150.656) (StBA/StLÄ 2011; Karte 2).

Nach der Erwerbstätigenrechnung findet man die am stärksten landwirtschaftlich geprägte Beschäftigungsstruktur in den Landkreisen Rhein-Pfalz Kreis in Rheinland-Pfalz, Straubing-Bogen in Bayern und Cloppenburg in Niedersachsen (Karte 1). Diese Regionen sind durch arbeitsintensive Produktionsverfahren des Gemüseanbaus bzw. der Schweinehaltung gekennzeichnet. Die naturräumliche Eignung für solche Verfahren und die Nähe zu Verbraucherzentren erklären die hohe Bedeutung der Landwirtschaft in den meisten dunkelgrün gefärbten Regionen in Karte 1. Dass auch in städtischen Ballungszentren Landwirtschaft betrieben wird, zeigt Karte 3. In Berlin, Hamburg oder Stuttgart arbeiten anteilig nur wenige Menschen in der Landwirtschaft. Die in diesen Städten nur gering vorhandene landwirtschaftliche Nutzfläche wird aber vor allem durch Betriebe des Gartenbaus sehr intensiv genutzt. Dies gilt auch für die in dieser Karte dunkelgrün gefärbten Regionen am Oberrhein und in der Pfalz.

Die meisten Bauernhöfe in Westdeutschland sind Familienbetriebe, auf denen vorwiegend familieneigene Arbeitskräfte beschäftigt sind (Karte 2). In den ostdeutschen Ländern wurden nach 1989 viele der ehemaligen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften in moderne Agrarunternehmen mit Lohnarbeitern überführt. Die durchschnittliche Ausstattung dieser Betriebe mit Flächen und Arbeitskräften übertrifft die der westdeutschen Bauernhöfe um ein Mehrfaches. Obst- und Gemüsebauern mit ausgeprägten jahreszeitlichen Arbeitsspitzen beschäftigen in der Regel Saisonarbeitskräfte, die sie zu einem hohen Anteil aus dem osteuropäischen Ausland anwerben. Sie sind etwa im Weinbau in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz oder in der Spargelproduktion in Brandenburg und Niedersachsen anzutreffen.

Aktuelle Entwicklungen
Die Umwandlung der kollektivierten Agrarbetriebe hat in Ostdeutschland Anfang der 1990er-Jahre viele Arbeitsplätze in der Landwirtschaft gekostet (Graphik). Doch auch in Westdeutschland schrumpft die Zahl der Erwerbstätigen im Agrarsektor seit vielen Jahren; nach der jüngsten Landwirtschaftzählung waren es 2010 bundesweit 1,08 Mio. Arbeitskräfte , von denen rd. 750.000 ständig beschäftigt waren (StBA/StLÄ 2011). Zum technischen Fortschritt in der Landwirtschaft gehören die Einführung von leistungsfähigeren Landmaschinen, effizienten Ernteverfahren und automatisierten Tierhaltungssystemen. Sie erübrigen den Einsatz von Handarbeit und verwandeln Bauern in Agrarmanager. Mögliche Hofnachfolger entscheiden sich dennoch oft für eine besser entlohnte Tätigkeit im außerlandwirtschaftlichen Bereich. Über Jahrzehnte hinweg hat eine sich öffnende Schere zwischen steigenden Vorleistungs- und fallenden Agrarpreisen Rationalisierungsmaßnahmen in der deutschen Landwirtschaft erzwungen. Andererseits dämpfen agrarpolitische Maßnahmen den Arbeitskräfteabbau in der Landwirtschaft: Im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union erhalten Landwirte Flächenprämien, Investitionsbeihilfen, Vergütungen für umweltfreundliche Anbaumethoden, Prämien für die vorzeitige Hofaufgabe und eine Reihe weitere Vergünstigungen. Die landwirtschaftlichen Sozialversicherungen werden maßgeblich durch den Bundeshaushalt subventioniert. Seit einigen Jahren erfährt der Agrarsektor durch gestiegene Weltmarktpreise für Nahrungsmittel und die Bioenergieerzeugung auch in Deutschland eine neue Aufmerksamkeit. Wie sich dieser Trend auf die künftige Beschäftigungssituation in diesem Sektor auswirkt, bleibt abzuwarten.

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BMELV (Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz) (2011b):Statistisches Jahrbuch über Ernährung, Landwirtschaft und Forsten 2011. Münster.

ECKART, Karl (1998): Agrargeographie Deutschlands. Agrarraum und Agrarwirtschaft Deutschlands im 20. Jahrhundert. Gotha, Stuttgart.

FASTERDING, Ferdinand u. Daniela RIXEN (2006): Arbeitseinsatz in der deutschen Landwirtschaft und Beschäftigungseffekte politischer Maßnahmen. In: Berichte über Landwirtschaft 84, S. 243–263.

PETRICK, Martin u. Patrick ZIER (2011): Beschäftigungseffekte der Gemeinsamen Agrarpolitik in der ostdeutschen Landwirtschaft. Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO). (IAMO Policy Brief, 1). Halle (Saale).
URL:
www.iamo.de/dok/IAMOPolicyBrief1.pdf
Abrufdatum: 23.07.2012.

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Abrufdatum: 23.07.2012.

StBA/StLÄ (Statistische Ämter des Bundes und der Länder) (Hrsg.) (2012b):Landwirtschaftliche Betriebe und deren landwirtschaftlich genutzte Fläche (LF) nach Kulturarten – regionale Tiefe: Kreise und krfr. Städte. Landwirtschaftszählung – Haupterhebung Jahr 2010, Tabelle: 116-31-4.
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Abrufdatum: 23.07.2012.

StBA/StLÄ (Statistische Ämter des Bundes und der Länder) (Hrsg.) (2012c): Kreiszahlen. Ausgewählte Regionaldaten für Deutschland. Ausgabe 2011. Hannover: Landesbetrieb für Statistik und Kommunikationstechnologie Niedersachsen (LSKN).

StBA/StLÄ (Statistische Ämter des Bundes und der Länder) (Hrsg.) (2011): Agrarstrukturen in Deutschland. Einheit in Vielfalt. Regionale Ergebnisse der Landwirtschaftszählung 2010. Stuttgart.

Bildnachweis
Gurkenernte im Spreewald, © IfL

Zitierweise
Petrick, Martin und Martin Freier (2012): Arbeitskräfte in der deutschen Landwirtschaft. In: Nationalatlas aktuell 6 (11.2012) 12 [19.11.2012]. Leipzig: Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL).
URL:
http://aktuell.nationalatlas.de/Landwirtschaft.12_11-2012.0.html

PD Dr. Martin Petrick

Stellvertretender Abteilungsleiter
Agrarpolitik
Leibniz-Institut für Agrarentwicklung
in Mittel- und Osteuropa (IAMO)
Theodor-Lieser-Str. 2
06120 Halle (Saale)Tel.: (0345) 29 28 120
E-Mail: petrick@iamo.de

Martin Freier

Leibniz-Institut für Agrarentwicklung
in Mittel- und Osteuropa (IAMO)
Theodor-Lieser-Str. 2
06120 Halle (Saale)Tel.: (0345) 29 28 121
E-Mail: freier@iamo.de

Agrarquote, Erwerbstätige, Erwerbstätigenrechnung, Familienarbeitskräfte, Landwirtschaftszählung, Saisonarbeitskräfte, ständige (Lohn-)Arbeitskräfte

Agrarquote
Anteil der Beschäftigten in der Landwirtschaft an den Beschäftigten aller Wirtschaftszweige. Aufgrund fehlender statistischer Abgrenzung in den hier verwendeten statischen Quellen werden die Beschäftigten der Forstwirtschaft und der Fischerei mit einbezogen.

Erwerbstätige
Personen, die als Arbeitnehmer in einem Arbeitsverhältnis stehen (u.a. Arbeiter, Angestellte und Auszubildende), auch geringfügig Beschäftigte, bzw. die als Selbstständige (einschließlich deren mithelfende Familienangehörige) ein Gewerbe bzw. eine Landwirtschaft betreiben oder einen freien Beruf ausüben.

Erwerbstätigenrechnung
Die Erwerbstätigenrechnung zählt jede Person nur einmal, und zwar nach der Haupttätigkeit, daher unterschätzt sie das statistische Ausmaß von Teilzeitbeschäftigungen. Diese europaweit über Wirtschaftsbereiche hinweg einheitlich ermittelten Angaben veröffentlichen die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder im Rahmen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Sie basieren ihrerseits u.a. auf Meldungen zu den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und dem Mikrozensus, einer amtlichen, repräsentativen Haushaltsbefragung in Deutschland.

Familienarbeitskräfte
Familienarbeitskräfte in Einzelunternehmen sind der „ Betriebsinhaber, Ehegatte des Betriebsinhabers oder eine dem Ehegatten gleichgestellte Person, weitere Familienarbeitskräfte, die auf dem landwirtschaftlichen Betrieb leben und beschäftigt sind“ (StBA 2012).

Landwirtschaftszählung
Bei dieser Befragung von Landwirtschaftsbetrieben, die die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder durchführen, werden sowohl totale als auch repräsentative Ergebnisse erzielt (vgl. StBA 2012). Für die Familienarbeitskräfte und die ständigen Arbeitskräfte zählt hier die tatsächlich geleistete Arbeitszeit nach Stunden, welche dann in Vollzeitäquivalente umgerechnet wird. Somit werden auch Teilzeitbeschäftigungen exakt erfasst und die insgesamt gemessene Arbeitsleistung übersteigt tendenziell die der Erwerbstätigenrechnung (Totalerhebung). Die Statistik wird vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) regelmäßig veröffentlicht.

Saisonarbeitskräfte
In einem befristeten, weniger als sechs Monate abgeschlossenen und daher geringfügigen Arbeitsverhältnis zum Betrieb stehende Arbeitskräfte. Nicht hierzu zählen Arbeitskräfte, die im Rahmen der Nachbarschaftshilfe oder im Auftrag von Lohnunternehmen im Betrieb tätig sind.

Ständige (Lohn-)Arbeitskräfte
Ständig beschäftigte Arbeitskräfte in Betrieben aller Rechtsformen, ausgenommen Familienarbeitskräfte.