In Europa bestehen erhebliche Unterschiede im Auszugsverhalten junger Erwachsener. Ein hoher Prozentsatz der 25- bis 29-jährigen Frauen und Männer lebt in Süd- und Osteuropa noch im Elternhaus. Junge Skandinavier in diesem Alter stehen hingegen schon lange auf eigenen Füßen. Anhand detaillierter Europakarten wird den Ursachen dieser Unterschiede nachgegangen.

Es gibt nur wenige gesellschaftliche und demographische Indikatoren, bei denen sich derart große Unterschiede zwischen den europäischen Staaten zeigen wie bei den Markern des Übergangs zum Erwachsenenalter: Einstieg in den Arbeitsmarkt, eigene Familiengründung und Auszug aus dem Elternhaus. Schon beim durchschnittlichen Auszugsalter bestehen große Diskrepanzen: Junge Frauen und Männer in Schweden, Dänemark und Finnland leben schon relativ früh im eigenen Haushalt. Dagegen ist der Nachwuchs in der Slowakei, Malta oder Kroatien beim Verlassen des Elternhauses im Durchschnitt um die 30. Die schwedischen Nestflüchter ziehen rund 14 Jahre früher bei ihren Eltern aus als die mazedonischen Nesthocker (Karte 1). Tendenziell verlassen junge Frauen in Europa früher ihr Elternhaus aus als junge Männer. Um wie viel früher variiert von Land zu Land. Während in Schweden der Unterschied zu den Männern gering ist, ziehen Mazedonierinnen mehr als sieben Jahre früher aus als ihre männlichen Landsleute (Karte 1).

Die Bedeutung von Altersnormen
Die Unterschiede im Auszugsverhalten sind eng verknüpft mit gesellschaftlichen Vorstellungen davon, in welchem Alter junge Frauen und Männer das Elternhaus verlassen haben sollten. Diese Altersnormen werden sowohl durch das Institutionensystem (Arbeitsmarkt, Bildungssystem, Wohlfahrtsstaat), kulturelle Prägungen sowie sozioökonomische und siedlungsstrukturelle Unterschiede geprägt. Institutionelle Faktoren erklären die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern, während kulturelle Faktoren eher die Unterschiede innerhalb der europäischen Länder widerspiegeln (Aassve/Arpino/Billari 2013, S. 397).

In Skandinavien ist die Mehrheit der Ansicht, dass der Nachwuchs spätestens mit 25 aus dem Hotel Mama ausgecheckt haben sollte. Auf Zypern herrscht dagegen die Überzeugung vor, dass man mit unter 30 noch viel zu jung sei, um aus dem Elternhaus auszuziehen. Viele bulgarische und portugiesische Befragte finden sogar, man sei eigentlich nie zu alt, um noch bei den Eltern zu leben (Grafik 1).

Eine besondere Bedeutung für das Auszugsverhalten junger Erwachsener kommt Altersnormen in Ländern mit einer familienorientierten Kultur zu, wo sie das Muster des späten Auszugs stützen (Tosi 2017, S. 300-301). In Ländern mit weniger engen Familienbanden wird dagegen das Autonomie- und Experimentierbedürfnis junger Menschen stärker betont (Buchmann/Kriesi 2011, S. 489).

Die Rolle des Wohlfahrtsstaates
Vergleichende Forschungen zum Auszugsverhalten (z.B. Buchmann/Kriesi 2011, Isengard/Szydlik 2012, Nauck/Groepler/Yi 2017) zeigen, dass den jeweiligen Wohlfahrtsstaatstypen eine zentrale Rolle bei der Erklärung der Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern zukommt. Je geringer die wohlfahrtsstaatlichen Leistungen für junge Erwachsene sind, desto größer ist die Bedeutung der Familie, was sich wiederum in einer höheren Nesthockerquote widerspiegelt (Isengard/Szydlik 2012, S. 457). Die beiden Extremfälle in Europa sind auf der einen Seite das skandinavische Modell, dessen Arbeitsmarkt-, Bildungs- und Sozialpolitik einen frühen Auszug aus dem Elternhaus fördert, und auf der anderen Seite die Mittelmeerstaaten und die meisten Länder des östlichen Europa, wo staatliche Leistungen für junge Erwachsene weitgehend fehlen und hohe Barrieren beim Berufseinstieg bestehen. Die soziale Sicherung des Einzelnen erfolgt dort in erster Linie durch die Familie und nicht durch den Staat, was zu einem vergleichsweise langen Verbleib der jungen Menschen im Elternhaus beiträgt (Bendit/Hein/Biggart 2009, S. 10-11; Walther 2006, S. 124-129).

Der Wohnungs- und Arbeitsmarkt
Der Anteil der im Elternhaus lebenden jungen Erwachsenen schwankt in Europa auch auf der regionalen Ebene erheblich, wie die Karten 2 und 3 zeigen. Auffällig ist, dass es auch hier erhebliche Unterscheide zwischen den einzelnen Ländern gibt. In Ländern wie Frankreich, Schweden oder der Slowakei sind die regionalen Variationen des Auszugsverhaltens nur gering, während in Österreich oder Italien bedeutende regionale Unterschiede bestehen.

Charakteristisch für alle EU-Staaten sind niedrige Nesthockerquoten in Städten und relativ hohe Werte in ländlichen Regionen (Leibert 2017). Wie stark die Werte voneinander abweichen, unterscheidet sich jedoch stark von Land zu Land. Dies ist insbesondere auf die Wohnstandortwahl der Studierenden zurückzuführen. In einigen EU-Staaten ist es üblich, an einer Universität in der Nähe des Herkunftsorts zu studieren und weiterhin bei den Eltern zu leben, während anderswo ein größerer Prozentsatz zum Studium in eine andere Stadt zieht und dort erstmals einen eigenen Haushalt gründet (Billari/Philipov/Baizán 2001, S. 16-17). In Deutschland ist die Aufnahme eines Studiums der häufigste Auszugsgrund (Nauck/Groepler/Yi 2017, S. 1131). In Spanien leben Studierende dagegen überwiegend bei ihren Eltern (Vitali 2010, S. 104-106).

Ein weiterer wichtiger Grund für die vergleichsweise hohen Nesthockeranteile in den Staaten des südlichen und östlichen Europa ist die große Bedeutung der Herkunftsfamilie als „Sicherheitsnetz“ in für junge Menschen wirtschaftlich schwierigen Zeiten (z.B. Moreno 2012; Švab/Rener/Kuhar 2012). Viele Regionen dieser Staaten zeichnen sich durch eine hohe Jugendarbeitslosigkeit (Bode/Burdack 2012) und vergleichsweise niedrige Beschäftigungsquoten, insbesondere bei den jungen Frauen (Glöckner/Leibert/Wiest 2014; S. 24; Leibert 2014) aus. Auch in anderen Teilräumen Europas ist es im Zuge der Globalisierung für junge Menschen zunehmend schwierig, wirtschaftlich auf eigenen Füßen zu stehen, da Berufseinsteiger häufig nur befristete und gering bezahlte Stellen bekommen (Blossfeld 2003, S. 304). Diese Härten werden aber, wie oben dargestellt, im westlichen Europa stärker durch den Sozialstaat abgefedert.

Geschlechtsspezifische Unterschiede
Die Regionen mit den prägnantesten geschlechtsspezifischen Unterschieden im Anteil der Nesthocker konzentrieren sich in Bulgarien, Kroatien, Polen und Rumänien. Eine Erklärung für die Unterschiede im Auszugsverhalten ist ein relativ hoher Prozentsatz von Männern, die mit ihrer Partnerin (und ggf. eigenen Kindern) im Haushalt der Eltern leben. In Bulgarien trifft dies auf etwa 15 Prozent der Männer Mitte 20 zu (Iacovou 2011, S. 4). Ansonsten sind solche Dreigenerationenhaushalte in den EU-Staaten extrem selten. In Deutschland machen sie z.B. nur 0,3 Prozent der Haushalte aus (Iacovou/Skew 2011, S. 477).

Ein Hauptgrund, warum junge Paare im Elternhaus eines der Partner leben, ist die Situation auf dem Wohnungsmarkt: In Ländern ohne ausreichende Versorgung mit Mietwohnungen (vgl. Karte 1) sind junge Paare entweder gezwungen, die Familiengründung aufzuschieben, bis sie sich ein Haus oder eine Eigentumswohnung leisten können, oder sie leben weiterhin mit den Eltern zusammen. Ersteres ist z.B. in Spanien der Fall (Moreno 2012; Serracant 2015), Letzteres in Polen und Rumänien (Baranowska-Radaj 2011; Castiglioni/Hărăguş/Faludi/Hărăguş 2016).

Aassve, Arnstein; Arpino, Bruno u. Francesco C. Billari (2013): Age norms on leaving home: multilevel evidence from the European Social Survey. In: Environment and Planning A 45, S. 383-401.

Baranowska-Rataj, Anna (2011): Trash contracts? The impact of temporary employment on leaving the parental home in Poland. In: Studia Demograficzne 159, Heft 1, S. 57-73.

Bendit, René; Hein, Kerstin u. Andy Biggart (2009): Autonomie retardée et négociée: l’émancipation résidentielle des jeunes Européens. In: Politiques sociales et familiales 97, S. 5-12.

Billari, Francesco C. (2004): Becoming an Adult in Europe. A Macro (/Micro)-Demographic Perspective. In: Demographic Research, Special Collection 3, S. 15-44.

Billari, Francesco C., Dimiter Philipov u. Pau Baizán (2001): Leaving home in Europe: the experience of cohorts born around 1960 (=MPIDR Working Paper WP 2001-014). Rostock (Max-Planck Institute for Demographic Research).

Blossfeld, Hans-Peter (2003): Globalisation, social inequality and the role of country-specific institutions. In: Conceição, Pedro, Manuel V. Heitor und Bengt-Åke Lundvall (Hrsg.): Innovation, Competence Building and Social Cohesion in Europe. Towards a Learning Society, S. 303-324. Cheltenham und Northampton (Edward Elgar).

Bode, Volker u. Joachim Burdack (2012): Jugendarbeitslosigkeit – eine Herausforderung für Europa. In: Nationalatlas aktuell 6 (12/2012) 13 [19.12.2012]. Leipzig: Leibniz‐Institut für Länderkunde (IfL). URL: http://aktuell.nationalatlas.de/Jugendarbeitslosigkeit.13_12‐2012.0.html.

Buchmann, Marlis C. u. Irene Kriesi (2011): Transition to Adulthood in Europe. In: Annual Review of Sociology 37, S. 481-503.

Castiglioni, Maria, Hărăguş, Mihaela; Faludi, Cristina u. Paul Teodor Hărăguş (2016): Is the Family System in Romania Similar to those of Southern European Countries? In: Comparative Population Studies 41, Heft 1, S. 57-86.

Glöckner, Rick; Leibert, Tim u. Karin Wiest (2014): European Territories Affected by Selective Migration: Socio-Economic Structures and the Labour Market for Women in the Case Study Regions. In: Wiest, Karin; Glöckner, Rick; Leibert, Tim; Schaarwächter, Matthias und Schmidt, Anika (Hrsg.): Dealing with Female Brain-Drain in Rural Europe: Results from the CENTRAL EUROPE Project WOMEN (= Forum IfL, Heft 26), S. 15-24. Leipzig.

Iacovou, Maria (2011): Leaving Home: Independence, togetherness and income in Europe (=United Nations Population Division Expert Paper No. 2011/10). New York.

Iacovou, Maria u. Alexandra Skew (2011): Household composition across the new Europe: Where do the new Member States fit in? In: Demographic Research 25, Artikel 14, S. 465-490.

Isengard, Bettina u. Marc Szydlik (2012): Living Apart (or) Together? Coresidence of Elderly Parents and Their Adult Children in Europe. In: Research on Ageing 34, Heft 4, S. 449-474.

Leibert, Tim (2017): Generation Nesthocker – junge Erwachsene im Haushalt ihrer Eltern. In: Nationalatlas aktuell 11 (01.2017) 1 [05.01.2017]. Leipzig: Leibniz‐Institut für Länderkunde (IfL). URL: http://aktuell.nationalatlas.de/Auszug_Elternhaus.1_01‐2017.0.html.

Leibert, Tim (2014): Frauenerwerbstätigkeit in Deutschland und Europa. In: Nationalatlas aktuell 8 (01.2014) 1 [27.01.2014]. Leipzig: Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL). URL: http://aktuell.nationalatlas.de/ Frauenerwerbstaetigkeit.1_01-2014.0.html.

Moreno, Almudena (2012): The Transition to Adulthood in Spain in a Comparative Perspective: The Incidence of Structural Factors. In: Young 20, Heft 1, S. 19-48.

Nauck, Bernhard; Groepler, Nicolai u. Chin-Chun Yi (2017): How kinship systems and welfare regimes shape leaving home: A comparative study of the United States, Germany, Taiwan, and China. In: Demographic Research 36, Artikel 38, S. 1109-1148.

Serracant, Pau (2015): The Impact of the Economic Crisis on Youth Trajectories: A Case Study from Southern Europe. In: Young 23, Heft 1, S. 39-58.

Švab, Alenka, Rener, Tanja u. Metka Kuhar (2012): Behind and Beyond Hajnal’s Line: Families and Family Life in Slovenia. In: Journal of Comparative Family Studies 43, Heft 3, S. 419-437.

Tosi, Marco (2017): Age norms, family relationships, and home-leaving in Italy. In: Demographic Research 36, Artikel 9, S. 281-306.

Vitali, Agnese (2010): Regional differences in young Spaniards’ living arrangement decisions: A multilevel approach. In: Advances in Life course Research 15, S. 97-108.

Walther, Andreas (2006): Regimes of youth transitions. Choice, flexibility and security in young people’s experiences across different European contexts. In: Young 14, Heft 2, S. 119-139.

Zitierweise
Leibert, Tim (2017): Generation Nesthocker – die europäische Perspektive. In: Nationalatlas aktuell 11 (07.2017) 6 [24.07.2017]. Leipzig: Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL).
URL: http://aktuell.nationalatlas.de/Nesthocker_Europa.6_07-2017.0.html.

Dr. Tim Leibert
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