Die Verbesserung der Betreuung für Kinder unter drei Jahren gehört zu den wichtigsten familienpolitischen Reformprojekten der Großen Koalition. Bund, Länder und Kommunen haben sich geeinigt, bis Ende 2010 230.000 zusätzliche Betreuungsangebote zu schaffen, um Eltern eine bessere Vereinbarkeit von Kindererziehung und Beruf zu ermöglichen. Den Worten sind Taten gefolgt. Dennoch zeigt die aktuelle Deutschlandkarte ausgeprägte regionale Disparitäten bei den Angeboten und der Ausbaudynamik.

Ehrgeizige Ziele
Die Bundesregierung hat große Ziele. Ab 2013 besteht für Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr ein Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Um dem Bedarf zu entsprechen, müssen zu den bis 2010 zu schaffenden 230.000 neuen Plätzen in Krippen und bei Tageseltern weitere 500.000 Plätze kommen. Damit würde faktisch für jedes dritte Kleinkind ein Betreuungsangebot zur Verfügung stehen. In Ostdeutschland wird dieser Wert bereits heute erreicht. Im Westen ist die Betreuungsinfrastruktur dagegen noch lückenhaft. Die für 2010 vorgesehene Betreuungsquote (Glossar) von 17% wird in keinem westdeutschen Land erreicht (Karte 1). Während die süddeutschen Länder Vorreiter beim Ausbau der Kinderbetreuung sind, hinken Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein hinterher. Im Nordwesten liegt die Betreuungsquote unter 50% des Zielwerts.

Westdeutschland mit deutlichem Nachholbedarf
Zwischen März 2006 und März 2007 ist die Zahl der in einer Tageseinrichtung oder von Tageseltern betreuten Kleinkinder in Westdeutschland um fast 30.000 angestiegen. Um die vorgegebene Betreuungsquote erreichen zu können, müssten bei einem linearen Ausbau jährlich jedoch durchschnittlich 37.000 zusätzliche Angebote geschaffen werden. Dieses Ziel wurde insgesamt verfehlt, die einzelnen Länder haben jedoch in sehr unterschiedlichem Umfang Anstrengungen unternommen, die Versorgung mit Betreuungsplätzen zu verbessern (Tabelle 1). In Hessen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wurden deutlich mehr Betreuungsangebote geschaffen als bei einem linearen Ausbau notwendig gewesen wären. Die geringste Ausbaudynamik ist in den nordwestdeutschen Flächenländern festzustellen, wo das Ausgangsniveau besonders niedrig war.

Betreuung bei Tageseltern
Tagesbetreuung für Kleinkinder muss nicht unbedingt in einer Krippe stattfinden. Etwa 30% der Betreuungsplätze sollen nach Vorstellung der Bundesregierung bei Tageseltern angeboten werden. Dieser Wert wird bisher in keinem Land erreicht. Eine besonders große Rolle spielt diese auf Privatinitiative zurückzuführende Betreuungsform in Mecklenburg-Vorpommern, wo bereits jedes zehnte Kind von Tageseltern betreut wird. Das liegt daran, dass Krippen und Tageseltern bereits seit 1992 gleichberechtigt vom Land gefördert werden. Zudem ist durch landesrechtliche Bestimmungen ein hohes Qualifikationsniveau der Tageseltern sichergestellt (LAGuS 2008). Die relativ große Bedeutung von Tageseltern in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein kann dagegen als Indiz für fehlenden Elan der öffentlichen Hand beim Krippenausbau interpretiert werden (Karte 1).

In allen Ländern werden die Betreuungsplätze vor allem von zweijährigen Kindern in Anspruch genommen (Graphik 1). Die niedrige Quote im ersten Lebensjahr deutet darauf hin, dass die meisten Eltern Elternzeit nehmen und den Nachwuchs im ersten und häufig auch im zweiten Lebensjahr zu Hause betreuen.

Mehr Krippen – mehr Kinder!?
Der Ausbau der Kinderkrippen hat ein geteiltes Echo ausgelöst. Mit Verweis auf die niedrigere Geburtenrate in Ostdeutschland stellen Kritiker insbesondere den erwarteten fertilitätsfördernden Effekt in Frage. Eine Studie über Norwegen kommt dagegen zu dem Schluss, dass das Vorhandensein von qualitativ hochwertigen Kinderbetreuungseinrichtungen zu einer früheren Erstgeburt beiträgt und die Wahrscheinlichkeit erhöht, ein Kind zu bekommen (Rindfuss u.a.).

Diese Ergebnisse scheinen auch auf Deutschland übertragbar zu sein. Dort wo die Versorgung gut ist, gibt es mehr Kinder und die Mütter sind jünger: Berechnungen des Max-Planck-Instituts für demographische Forschung haben ergeben, dass die Zahl der Kinder pro Frau im Osten entgegen der landläufigen Meinung höher ist als im Westen (Konietzka/ Kreyenfeld) (Glossar), gleichzeitig bekommen Frauen ihr erstes Kind früher und bleiben seltener kinderlos. Umfragen zur gewünschten Kinderzahl zeigen zudem, dass sich unter den ostdeutschen Frauen lediglich sechs Prozent ein Leben ohne Kinder vorstellen können, in Westdeutschland liegt dieser Wert dagegen drei Mal so hoch.

DEUTSCHER BUNDESTAG (Hrsg.) (2008): Bericht der Bundesregierung 2008 nach § 24a Abs. 3 SGB VIII über den Stand des Ausbaus für ein bedarfsgerechtes Angebot an Kinderbetreuung für Kinder unter drei Jahren für das Berichtsjahr 2007. Berlin.
URL: http://www.bmfsfj.de/bmfsfj/generator/RedaktionBMFSFJ
/Abteilung5/Pdf-Anlagen/tag-bericht,property=pdf,
bereich=,sprache=de,rwb=true.pdf
Abrufdatum: 10.09.2008.

DEUTSCHER BUNDESTAG (Hrsg.) (2007): Bericht der Bundesregierung über den Stand des Ausbaus für ein bedarfsgerechtes Angebot an Kinderbetreuung für Kinder unter drei Jahren 2007 (=BT-Drucksache 16/6100). Berlin.
URL: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/061/1606100.pdf
Abrufdatum: 10.09.2008.

DORBRITZ, Jürgen (2008): Germany: Family diversity with low actual and desired fertility. In: Demographic Research 19, S. 557-598.

KOLVENBACH, Franz-Josef und Doreen TAUBMANN (2006): Neue Statistiken zur Kindertagesbetreuung. In: Wirtschaft und Statistik 2/2006, S. 166-171.

KONIETZKA, Dirk und Michaela KREYENFELD (2007): Mehr Kinder pro Frau in Ost- als in Westdeutschland. Warum die Diskussion zum Zusammenhang von Kinderkrippen und Geburtenrate verkürzt ist. In: Demographische Forschung aus Erster Hand 2/2007, S. 4.

LAGuS (2008): Telefonische Auskunft von Dr. Karola Heilmann vom Landesamt für Gesundheit und Soziales Mecklenburg-Vorpommern (LAGuS) Abteilung 2: Jugend und Familie / Landesjugendamt, Dezernat 22 – Kinderbetreuung v. 13.11.2009.

RINDFUSS, Ronald R.; GUILKEY, DAVID; MORGAN, S. Philip; KRAVDAL, Øystein und Karen Benjamin GUZZO (2007): Child care availability and first birth timing in Norway. In: Demography 44, Band 2, S. 345-372.

STATISTISCHE ÄMTER DES BUNDES UND DER LÄNDER (Hrsg.) (2008): “Regionaldatenbank Deutschland” – GENESIS Online – Das statistische Informationssystem des Bundes und der Länder. Tab. 173-33-2 Bevölkerungsstand: Bevölkerung nach Geschlecht und Altersjahren – Stichtag 31.12.2006.  –

https://www.regionalstatistik.de/genesis/online/logon

Abrufdatum: 17.10.2008.

VON ZUR GATHEN, Marion und Norbert STRUCK (2008): Vom Gedöns zur Überlebensfrage. Diskussionen, Hintergründe und Entwicklungslinien der Kindertagesbetreuung in Deutschland. In: Blätter der Wohlfahrtspflege 1/2008, S. 3-7.

Rechtliche Grundlagen

Gesetz zum qualitätsorientierten und bedarfsgerechten Ausbau der Tagesbetreuung für Kinder (Tagesbetreuungsausbaugesetz – TAG) v. 27. Dezember 2004 (BGBl. I S. 3852).
URL:

http://217.160.60.235/BGBL/bgbl1f/bgbl104s3852.pdf

Abrufdatum: 10.09.2008.

Sozialgesetzbuch (SGB) – Achtes Buch (VIII) – Kinder- und Jugendhilfe – (Artikel 1 des Gesetzes v. 26. Juni 1990, BGBl. I S. 1163)
URL:

http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/sgb_8/gesamt.pdf

Abrufdatum: 10.09.2008.

Zitierweise
Leibert, Tim (2008): Fortschritte bei der Kleinkinderbetreuung? In: Nationalatlas aktuell 2 (11.2008) 12 [20.11.2008]. Leipzig: Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL).
URL:
http://aktuell.nationalatlas.de/Kleinkinder.12_11-2008.0.html

Dipl.-Geogr. Tim Leibert
Leibniz-Institut für Länderkunde
Schongauerstr. 9
04328 Leipzig
Stipendiat im Projekt
„Demographischer Wandel“
Tel.: (0341) 600 55 188
E-Mail: t_leibert@ifl-leipzig.de

Betreuungsquote
Anteil der in einer Tageseinrichtung oder von Tageseltern betreuten Kinder einer bestimmten Altersgruppe an allen Kindern der jeweiligen Altersgruppe.

Zusammengefasste Geburtenrate (TFR: Total Fertility Rate)
Statistisch ermittelte Zahl der Kinder, die eine Frau im Laufe ihres Lebens bekommen würde, wenn die im Analysejahr herrschenden Rahmenbedingungen konstant blieben. Die TFR liefert nur bei gleich bleibendem Durchschnittsalter bei der Geburt eine zuverlässige Schätzung der endgültigen Kinderzahl. In Deutschland werden erstgebärende Frauen jedoch immer älter, so dass die TFR das tatsächliche Geburtenniveau unterschätzt. Diese Unterschätzung ist in Ostdeutschland ausgeprägter, da der Anstieg des Alters der Gebärenden nach 1990 besonders stark war.

Rechtlicher Rahmen
Die rechtliche Grundlage des Ausbaus der Kindertagesbetreuung ist das Gesetz zum qualitätsorientierten und bedarfsgerechten Ausbau der Tagesbetreuung für Kinder (Tagesbetreuungsausbaugesetz – TAG) in Verbindung mit dem Sozialgesetzbuch (SGB) – Achtes Buch (VIII). Der Gesetzgeber sieht gem. § 24 SGB VIII ein Mindestversorgungsniveau für die Betreuung von Kindern unter drei Jahren vor, für das bis Oktober 2010 in der alten Bundesrepublik 230.000 zusätzliche Betreuungsplätze geschaffen werden müssen – dies entspricht einer Betreuungsquote von durchschnittlich 17%. In den Stadtstaaten liegt die Hürde höher: Berlin soll eine Betreuungsquote von 39,5% erreichen, Hamburg 27,5%, Bremen 24,2%. Als einziges Land hat Berlin die Vorgaben des TAG bereits erfüllt. Das Versorgungsniveau in Ostdeutschland wird von der Bundesregierung als ausreichend angesehen.

Datengrundlage – Änderung der Kinderbetreuungsstatistik
Vor 2006 wurde von der amtlichen Statistik alle vier Jahre die Zahl der genehmigten Plätze in Kindertagesstätten erhoben. Seit 2006 wird jährlich die Zahl der Kinder, die in einer Krippe oder von mit öffentlichen Mitteln geförderten Tageseltern betreut werden, erhoben. Durch den Perspektivwechsel von einer angebots- zu einer nachfrageorientierten Erhebungsmethodik ist ein Vergleich der Betreuungssituation vor 2006 mit der aktuellen Lage nicht mehr möglich.