Müller, Meier, Schmidt: Man braucht keine Phantasie, um zu erahnen, welche Berufe die Vorfahren dieser Familien einst ausübten. Und bei den Familiennamen Bayer, Heß oder Preuß liegt die regionale Herkunft der Ahnen auf der Hand. Aber was können uns die Geographischen Namen und insbesondere die Siedlungsnamen oder Ortsnamen erzählen?

Auch Geographische Namen (Geonyme) und hier vor allem die Siedlungsnamen (Oikonyme) oder Ortsnamen (Toponyme) unterliegen Erklärungsmustern und Regelhaftigkeiten. Sie können Hinweise geben auf die Lage der Siedlung im Naturraum, den historischen Entstehungskontext oder die zeitliche Stellung im regionalen Besiedlungsgang. Dabei gilt es zu unterscheiden zwischen dem einzelnen, individuellen Namen und der Betrachtung von Namentypen. Beim Einzelnamen ist die Quellenanalyse („ad fontes“) unerlässlich. Die heutigen Namen stammen zumeist aus einer sprachgeschichtlich viele Jahrhunderte zurückliegenden Zeit und haben sich seither zum Teil weit entfernt von ihrer ursprünglichen Form. Die Veränderungen können dabei sehr unterschiedlich sein. Dass die heutige Mainmetropole ihren Ursprung an einer Furt der Franken über den Main hat, die Hauptstadt von Nordrhein-Westfalen als Dorf am Flüsschen Düssel entstand oder die Hauptstadt Baden-Württembergs sprachlich auf ein mittelalterliches Gestüt („Stutengarten“) zurückgeht, erscheint noch jedem einsichtig. Hingegen muss man zur Erklärung des Namens Koblenz schon seine Lateinkenntnisse bemühen, um ihn von „confluentes“ (= die Zusammenfließenden) herzuleiten, dem Ort, wo die Mosel in den Rhein mündet. Viele Ortsnamen im einst römisch beherrschten Gebiet und entlang des Limes gehen auf römische Siedlungen und Militärlager zurück. Und im östlichen Deutschland erscheinen uns viele Namen befremdlich, weil ihre Ursprünge in slawischen Sprachen liegen. Da wir nur im äußerst seltenen Fall eine Gründungsurkunde einer Siedlung besitzen oder den genauen Entstehungszusammenhang kennen, lassen sich viele Namen nicht eindeutig klären. So müssen sich selbst die Namenforscher manchmal bei der Interpretation der Namen mit Mutmaßungen zufriedengeben.

Hier soll es allerdings nicht um die sprachliche Analyse bestimmter Namen gehen, sondern um die Typisierung von Ortsnamen und deren räumliche Verbreitung. Dies ist möglich, weil sich im deutschsprachigen Raum zahlreiche Siedlungsnamen aus zwei Bestandteilen zusammensetzen, dem Bestimmungswort (zumeist vorne) und dem Grundwort (zumeist hinten). Die Bestimmungswörter sind sehr häufig nach topographischen Gegebenheiten, nach Pflanzen, Bäumen und vor allem nach Personennamen (patronymische Namen) gebildet. Für die historische Einordnung eines Namens interessanter sind das Grundwort bzw. die Endung (Suffix); sie lassen sich in der Regel bestimmten Siedlungsperioden zuordnen. Man könnte sagen, dass die Verwendung der Grundwörter zeittypischen Modeerscheinungen entsprach, die sich in bestimmten Epochen häufen, in anderen Zeiten hingegen fehlen (Glossar).

Die heutige Siedlungslandschaft ist das Ergebnis einer zweitausendjährigen Geschichte. Dabei war der Besiedlungsgang keineswegs ein kontinuierlicher Prozess: Dynamische Wachstumsepochen mit Siedlungsneugründungen wechselten sich ab mit Konsolidierungs- und Stagnationsperioden, unterbrochen von Schrumpfungsphasen, in denen es zu einem Rückgang der Siedlungen kam (Wüstungsperioden).
Die ältesten Siedlungsnamen in Mitteleuropa stammen aus vorgermanischer Zeit. Sie sind keltischen oder romanischen Ursprungs und treten vor allem in der west- und süddeutschen Germania Romana auf. Bereits etwas gehäufter kommen die frühesten germanischen Namen vor, die z. B. auf – lar oder – mar enden. Nach der Völkerwanderungszeit setzte seit dem 4. Jahrhundert eine erste große Landnahme ein, in der die fruchtbaren und leicht zu kultivierenden Gebiete besiedelt wurden. Typische Ortsnamen-Endungen aus dieser Zeit sind – heim, – ingen, – stedt und – stetten. In der merowingischen Epoche (6. – 8. Jh.) wurde der Siedlungsraum ausgedehnt (frühe Ausbauzeit). Siedlungsnamen auf – dorf, – hausen und – weiler stammen in der Regel aus dieser Zeit. Zum größten Siedlungsausbau in Mitteleuropa kam es in den Rodungsperioden seit etwa dem 8. Jahrhundert. Die Altsiedellandschaften waren weitgehend bevölkert; nun begannen die Menschen in die Mittelgebirge vorzudringen. Zunächst wurden die Gebirgsränder und die Täler besiedelt (z. B. – bach, – born und – brunn), seit etwa dem 10. Jahrhundert und während des gesamten Hochmittelalters wurde der Wald immer weiter zurückgedrängt und neue Siedlungen angelegt. Typische Ortsnamen-Endungen dieser Zeit deuten auf den Rodungsvorgang hin, z. B. – roth, – rieth, – reut, – brand, – schwand, – hau, – schneid.

Namenendungen für das slawische Siedlungsgebiet
Auch die für das slawische Siedlungsgebiet typischen Namenendungen auf – itz und – ow stammen aus der Zeit des früh- und hochmittelalterlichen Ausbaus. Karte 1 zeigt ein klar umgrenztes Verbreitungsgebiet, in der die Ortsnamen-Endungen auf – ow und – itz herausgefiltert wurden. Sieht man von einigen versprengten, unechten Namen ab, bilden sie ein geschlossenes Siedlungsgebiet, das sich von Ostholstein über das Wendland (Name!), die Altmark und Ostthüringen bis in die Oberpfalz ausbreitet. Siedlungshistoriker bezeichnen die westliche Grenze auch als Elbe-Saale-Linie. Sie bildete sich im Zuge der fränkischen Landnahme seit etwa dem 8. Jahrhundert als Sprachgrenze zwischen dem östlichen slawischen und dem westlichen germanischen Siedlungsgebiet heraus. Allerdings muss diese Linie als Saum verstanden werden, innerhalb dessen sorbische und fränkische Siedlungen in enger Nachbarschaft nebeneinander existierten. Im Laufe der Jahrhunderte verschwand die slawische Sprache in Deutschland fast vollständig. Lediglich in den beiden Lausitzen in Sachsen und Brandenburg haben sich die Sorben als größte nationale Minderheit gehalten und ihre westslawischen Sprachen bewahrt.

Östlich der heutigen Staatsgrenzen Deutschlands setzen sich die Ortsnamen auf – itz (- ice) und – ow fort. Das Bestimmungswort wird oft patronymisch gebildet. In manchen Fällen kann sich – ow aus der deutschen Form – au entwickelt haben, wie auch umgekehrt heutige – au-Namen in der Germania Slavica ursprünglich auf – ow lauteten.

Im 14. Jahrhundert war in Mitteleuropa der Höchststand an Siedlungen erreicht; es folgte die spätmittelalterliche Wüstungsperiode, in der einige zehntausend Siedlungen (häufig auf Grenzertragsböden gelegen) wieder aufgegeben wurden. In der Neuzeit kamen vergleichsweise wenige neue Siedlungen hinzu, darunter Industrie- und Bergbausiedlungen und Siedlungen im Zuge der Neulandgewinnung (z. B. – moor, – fehn, – koog, – deich).

Namenendungen für Siedlungen im Zuge der Neulandgewinnung
In der Namenforschung gab es immer wieder Vertreter, die die meisten, nicht eindeutig zu klärenden („dunklen“) Ortsnamen auf Wasser und Sumpf zurückführten. Auch wenn diese Theorie nicht zu halten ist, entstanden zahlreiche Siedlungen an Wasserläufen (- bach, – au, – thal). Andere deuten auf die Urbachmachung ehemals feuchter Gebiete. In Karte 2 sind vier Ortsnamen-Endungen zusammengefasst, die diesen Vorgang der Trockenlegung beschreiben.

Bis in die Neuzeit bedeckten großflächig Moore das norddeutsche Tiefland. Seit dem 16. Jahrhundert begann man im Rahmen der Binnenkolonisation, diese siedlungsfeindlichen Gebiete zu entwässern und Neuland zu gewinnen. Die Ortsnamen auf -moor im Niederdeutschen und -moos oder -ried im Oberdeutschen beziehen sich auf solche Sumpfgebiete. Auch Fehn ist eine niederdeutsche Bezeichnung für Morast und Moor. Um 1600 wurde in den Niederlanden die Fehnkultur entwickelt, die eng mit der Torfgewinnung in Verbindung steht. Die Trockenlegung erfolgte von Kanälen aus, über die der Torf abtransportiert werden konnte. Alle Siedlungen auf – fehn liegen konzentriert in einem kleinen Gebiet in Ostfriesland und dem Emsland und sind jungen Datums. Die meisten stammen erst aus dem 19. Jahrhundert. In den angrenzenden Gebieten der Niederlande enden die Fehnsiedlungen auf – veen. Durch die Tätigkeit des Menschen wurden fast alle Moore zerstört. Heute gelten die noch existierenden Hoch- und Niedermoore als wertvolle Biotope. Sie stehen zumeist unter Naturschutz. Renaturierungsmaßnahmen sollen ihren Bestand für die Zukunft sichern.

Neue Gemeindenamen im Rahmen von Gebietsreformen
Obwohl in den letzten hundert Jahren kaum noch neuen Siedlungen gegründet wurden, ist der Bestand an geographischen Namen deutlich angestiegen. Dies liegt an den zahlreichen neuen Gemeindenamen, die im Rahmen der Gebietsreformen kreiert wurden. Als Beispiele aus der Frühphase mögen Wuppertal, als Zusammenschluss mehrerer Städte 1929 entstanden, oder Leverkusen, das 1930 entstand, als sich die Stadt Wiesdorf mit Nachbargemeinden zusammenschloss und nach dem Chemieunternehmer Carl Leverkus benannte, angeführt werden. In den 1960er und 1970er Jahren kamen hunderte neuer Gemeindenamen in Westdeutschland hinzu, nicht selten in sprachlich und siedlungshistorisch befremdlichen Formen. Dies gilt noch mehr für das östliche Deutschland, wo sich die neuen Namen häufig völlig losgelöst haben von der gewachsenen regionalen Namenlandschaft. Allerdings zählen alle diese neuen Namen nicht zu den Siedlungs-, sondern zu den Verwaltungsnamen und können hier vernachlässigt werden.

Der Kleine Atlas der Siedlungsnamen Deutschlands
Die Angaben bzw. deren Auswahl für die in den beiden Karten 1 und 2 dargestellten Ortsnamen-Endungen „- itz / – ow“ und „- ried / – fehn / – moor / – moos“ stammen aus dem Kleinen Atlas der Siedlungsnamen Deutschlands ein Atlasprodukt vom Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL). In dem Atlas ist neben einer Volltextsuche auch die Suche nach dem Namensanfang oder der Namensendung, bzw. dem Bestimmungs- und Grundwort möglich. Als Quelle für die Datenbank des Atlasses dient eine eigene Zusammenstellung verschiedener Ausgaben des Produktes „Geographische Namen GN250“ des Bundesamtes für Kartographie und Geodäsie (BKG), sodass der Kleine Atlas der Siedlungsnamen Deutschlands inzwischen insgesamt circa 64.000 Namenseinträgen beinhaltet. Karte 3 veranschaulicht die jüngsten Daten- bzw. Namenszuwächse, die mit der Aktualisierung von 2023 verbunden sind (Glossar).

BKG (Bundesamt für Kartographie und Geodäsie) (2014/2023): Geographische Namen 1:250 000 (GN250). Stand 2014 und 2023. Geobasisdaten: © GeoBasis-DE / BKG 2014/2023. Frankfurt a. M.

BKG (Bundesamt für Kartographie und Geodäsie) (2023): Dokumentation: Geographische Namen 1:250 000 GN250. Leipzig. URL: https://sg.geodatenzentrum.de/web_public/gdz/dokumentation/deu/gn250.pdf
Abrufdatum: 07.11.2023

IfL (Leibniz-Institut für Länderkunde) (Hrsg.) (2023): Kleiner Atlas der Siedlungsnamen Deutschlands – Ausgabe 2023. Leipzig. URL: https://siedlungsnamenatlas.leibniz-ifl-projekte.de/#/

Wikipedia: Liste der Stadtbezirke und Ortsteile Leipzigs. URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stadtbezirke_und_Ortsteile_Leipzigs
Abrufdatum: 07.11.2023

Wikipedia: Geschichte der Stadt Leipzig. [Karte Leipzig mit den Vororten. Bibliographisches Institut (1897): Leipzig mit den Vororten. In: Meyers Konversationslexikon, 5. Aufl., Bd. 11]. URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Stadt_Leipzig#/media/Datei:Leipzig_1897.jpg
Abrufdatum: 10.11.2023

Bildnachweis
Ortseingangsschild vom Leipziger Ortsteil Böhlitz-Ehrenberg. © Volker Bode / Leibniz-Institut für Länderkunde
Böhlitz-Ehrenberg ist ein Ortsteil von Leipzig. Der Ortsname Böhlitz weist auf eine slawische Besiedlung hin. Ehrenberg hingegen ist wahrscheinlich eine Gründung deutscher Siedler, die häufig in der Nachbarschaft schon existierender slawischer Siedlungen rodeten und eigene Orte gründeten. 1839 erfolgte die Vereinigung der beiden Orte Böhlitz und Ehrenberg zur Gemeinde Böhlitz-Ehrenberg, die wiederum 1999 nach Leipzig eingemeindet wurde.

Zitierweise
Heinz Peter Brogiato & Christian Hanewinkel (2023): Was Ortsnamen uns erzählen können. In: Nationalatlas aktuell 17 (11.2023) 5 [16.11.2023]. Leipzig: Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL). URL: https://aktuell.nationalatlas.de/ortsnamen-5_11-2023-0-html/

Nationalatlas aktuell wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.

Dr. Heinz Peter Brogiato
Leiter der Abteilung Geographische Zentralbibliothek / Archiv für Geographie
Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL)
Schongauerstraße 9
04328 Leipzig
Tel: 0341 600 55- 126
E-Mail: h_brogiato@leibniz-ifl.de

Dipl.-Geogr. Christian Hanewinkel
Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL)
Schongauerstraße 9
04328 Leipzig
Tel: 0341 600 55-150
E-Mail: c_hanewinkel@leibniz-ifl.de

Beispiele für Ortsnamenendungen

– bach
Etwa seit dem 8. Jahrhundert ging man dazu über, Siedlungen nicht mehr primär nach Personen zu benennen, sondern man orientierte sich verstärkt an natürlichen Gegebenheiten, vor allem an der Lage an Wasserläufen. Die häufigste Namenendung ist -bach. Sie tritt im gesamten Mittelgebirgsraum auf, wo die ersten Rodungen häufig von den Tälern aus erfolgten. Im norddeutschen Tiefland fehlt die Endung -bach fast vollständig. Hier wird sie ersetzt durch das niederdeutsche – beck, in Schleswig-Holstein – bek und in den Niederlanden – beek.

– born
Die – born-Namen stammen aus einer mittelalterlichen Ausbauphase, in der viele Namen an natürliche Gegebenheiten angelehnt wurden (wie etwa – bach und – feld). Die Verbreitungskarte zeigt die Namen vereinzelt in Norddeutschland und sehr konzentriert im Gebiet der Mittelgebirgsschwelle. In Süddeutschland fehlen -born-Namen hingegen. Dies liegt daran, dass sich im Süden die älteren Sprachformen – bronn und -brunn gehalten haben, aus denen sich während des Hochmittelalters nach Norden hin – born herausbildete (Metathese des – r -).

– bur
Das althochdeutsche Wort bur bedeutet „kleines Haus“, „Wohnung“ und hat sich in Worten wie Nachbar oder Vogelbauer erhalten. In Ortsnamen kommt es bei Siedlungen aus der merowingischen Ausbauzeit vor. Allerdings hat sich das Wort nur in wenigen Siedlungsnamen (vor allem in Ostfriesland) erhalten. Will man die ganze Wortfamilie finden, muss man zusätzlich nach – büren (in Westfalen), – beuren (in Schwaben) und – beuern (in Oberbayern) suchen. Darüber hinaus wurden viele – bur-Namen im Laufe der Zeit verändert zu – born, manchmal auch zu – berg oder anderen Endungen. Solche „Verballhornungen“ können bei der automatisierten Suche nicht berücksichtigt werden und „verfälschen“ daher das Verbreitungsbild.

– by
Die dänischsprachige Bevölkerung in Südschleswig, die heute nur noch als kleine Minderheitengruppe existiert, hat auch im geographischen Namengut ihre Spuren hinterlassen. In den schleswigschen Landschaften Angeln und Schwansen findet man häufig in Ortsnamen das Suffix – by, dessen Verbreitungsgebiet sich über fast ganz Skandinavien erstreckt. Die Endung – by ist etymologisch verwandt mit – bur und bedeutet Hof oder kleines Dorf.

– dorf
Die häufigste Ortsnamenendung des Mittelalters dürfte – dorf (in Nordwestdeutschland auch – trup und – drup) sein. Siedlungen dieses Namentyps traten während des frühen Ausbaus (5./6. Jahrhundert) zuerst im Rhein-Mosel-Raum auf. Sie verbreiteten sich dann über den gesamten deutschen Sprachraum und fanden während des gesamten Mittelalters Verwendung. Wie in den meisten frühen Ortsnamen steckt im Bestimmungswort zumeist ein Personen- oder Sippenname.

– feld(e)
Eine der häufigsten Ortsnamenendungen in Deutschland ist – feld bzw. – felde. Diese Namen wurden seit der frühen Rodungszeit über einen langen Zeitraum verwendet und verteilen sich über den gesamten deutschen Raum. Die Bedeutung ist offensichtlich: Es handelt sich um ein nicht bewaldetes, ackerbaulich genutztes Gebiet. Die Bestimmungswörter stehen häufig für die Form, die Lage oder die Bodenbeschaffenheit der Siedlung.

– grün
Die Ortsnamen auf -grün konzentrieren sich räumlich in auffallender Weise auf das Vogtland und die angrenzenden Gebiete (Oberfranken, Egerland). Es handelt sich dabei um Siedlungen der späten Rodungszeit (12. – 14. Jahrhundert). Die Endung -grün deutet an, dass die Siedlung aus „grüner Wurzel“ entstanden ist, d. h. zuvor geschlossener Wald vorherrschte. In vielen dieser Namen taucht die Person des Lokators im Bestimmungswort auf, also der Person, die im Auftrag des Grundherrn die Rodung und Verteilung des Landes an die Kolonisten durchführte.

– ingen
Ortsnamen auf – ingen zählen neben den -heim-Namen zu den typischen Siedlungsnamen der germanischen Landnahmezeit (circa seit dem 4. Jahrhundert). Obwohl die heutige Forschung die frühere ethnische Deutung, – ingen in den alemannischen Gebieten, -heim in den altfränkischen Räumen ablehnt, fällt auf der Verbreitungskarte die deutliche räumliche Konzentration der – ingen-Namen im südwestdeutschen alemannisch-schwäbischen Raum auf. Im bairischen Raum kommt entsprechend die Endung – ing vor. Die sprachliche Anpassung im Französischen lautet – ange.

– koog
Die Neulandgewinnung an der Nordseeküste gehört zu den jüngsten Maßnahmen der Binnenkolonisation. Die Anfänge liegen allerdings bereits im Mittelalter, als man begann, das Land durch Deiche vor Sturmfluten zu schützen. Die zahlreichen Namen auf -deich an der Nordseeküste und an der Unterelbe zeugen von diesem ständigen Kampf des Menschen gegen den „blanken Hans“. Neben den Küstenschutz trat in den vergangenen Jahrhunderten der staatlich gelenkte Siedlungsausbau im neu gewonnenen Marschenland und heute zunehmend die Naturschutzfunktion. Der Begriff Koog für Deich tritt erst seit dem 18. Jahrhundert auf und kommt ausschließlich an der Westküste Schleswig-Holsteins vor.

– leben
Die Namenendung -leben gehört der germanischen Landnahmezeit (circa seit dem 5. Jahrhundert) an. Sie tritt in starker räumlicher Konzentration in den mitteldeutschen Gunstgebieten der Magdeburger Börde und dem Thüringer Becken auf, wo fruchtbare Lössböden gute Siedlungsbedingungen boten. Das Wort ist identisch mit „Lehen“ und bedeutet etwas „Überlassenes“, hier Land, das der Grundherr (Lehnsherr) seinem Vasallen (Lehnsmann) in erblichem Besitz überließ.

– rod(e)
Seit etwa dem 8. Jahrhundert kam es überall in Mitteleuropa zu umfangreichen Rodungen und zur Urbarmachung der vormaligen Wälder. Die Siedlungsnamen aus dieser Zeit differieren regional, deuten aber fast immer entweder auf den Wald oder die Rodung hin. Während – rod in Mittelhessen dominiert, schließt sich nach Norden hin ein Verbreitungsgebiet der -rode-Name an, im Rheinland herrschen Namen auf – rath vor, in Norddeutschland – rade. Auch die Endungen – reut und – rieth (aber nicht – ried!) gehören zu dieser Wortfamilie.

– tal
Die räumliche Verbreitung des Grundworts – tal zeigt keine besonderen Muster, sieht man vom seltenen Auftreten in Norddeutschland ab, was sich vielleicht aus der geringen Reliefenergie erklären lässt. Beim genaueren Hinsehen erkennt man, dass alle – tal-Namen administrativ festgelegte Gemeindenamen sind, die im Rahmen der Gebietsreformen der vergangenen hundert Jahre entstanden. Die siedlungsgeschichtlich relevanten Talnamen findet man, wenn man – thal sucht, denn bis zum Ende des 19. Jahrhunderts schrieb man Tal mit – Th-.

– weiler
Ein Weiler ist eine kleine Gruppensiedlung mit unregelmäßigem Grundriss. In Ortsnamen tritt das Wort vor allem bei Siedlungen der frühmittelalterlichen Ausbauzeit etwa seit dem 7. Jahrhundert im (süd)westlichen Deutschland auf. Im alemannischen Sprachraum der Schweiz und im Elsass entspricht die Endung – wil, im germanisch besiedelten Frankreich und in Belgien – viller dieser Wortgruppe.

Die Datengrundlage vom Kleinen Atlas der Siedlungsnamen Deutschlands

Die Datenbank des Kleinen Atlas der Siedlungsnamen Deutschlands des Leibniz-Instituts für Länderkunde (IfL) basiert auf den Geographischen Namen 1 : 250 000 (GN250) des Bundesamtes für Kartographie und Geodäsie (BKG). Das BKG-Produkt basiert auf der Objektart „Ortslage“ aus dem „Digitalen Landschaftsmodell DLM250“ des BKG und hat derzeit (Stand 2023) circa 46.000 Einträge. Die Gemeindenamen der rund 11.000 Gemeinden der Bundesrepublik sind zwar nicht Bestandteil der Datenbank, sie korrespondieren aber in der Regel mit den Namen der Ortslagen.

Wie kommt es nun zu der großen Differenz zwischen der Zahl der Einträge im Kleinen Atlas der Siedlungsnamen Deutschlands von rund 64.000 Einträgen zu den rund 46.000 im aktuellen GN250?
Eine Ursache liegt in der Entstehung des GN250. Das Produkt beruhte ursprünglich auf den Ortsnameneinträgen der gedruckten Topographischen Übersichtskarte im Maßstab 1 : 200.000 (TÜK200). Diese Karten basieren auf einem kartographischen Modell, bei dem Texteinträge – wie zum Beispiel Ortsnamen – einen gewissen Platz benötigen und dadurch an diesen Stellen nicht alle Karteninhalte visualisiert werden können.

Im Gegensatz dazu hat in einem dimensionslosen digitalen Modell, wie dem aktuellen Digitalen Landschaftsmodell 1:250 000 (DLM250), der Text (z. B. Ortsnamen) nur einen Aufsatzpunkt. Dabei ist es prinzipiell egal, ob bestimmte Texte beim Einblenden von anderen Texten überlagert werden und unlesbar sind.

Sehr gut deutlich wird dieser Unterschied in der Karte 3 zu den Ortsnamen von Leipzig: Die ursprünglich vorhandenen Orts- bzw. Stadtteilnamen (BKG 2014), hier mit fetter Schrift wiedergegeben, lassen einen nicht gefüllten Raum im Zentrum der Karte erahnen. Dieser Leerraum war in der gedruckten Karte im Maßstab 1 : 200.000 für eine detailreichere Darstellung der innerstädtischen Strukturen und für den relativ großen Schriftzug von Leipzig vorgesehen.

Die in halbfetter Schrift dargestellten Namen zeigen die aus dem digitalen Modell übernommenen Ergänzungen (BKG 2023). Dazu zählen auch einige Verwaltungsnamen, wie beispielsweise Reudnitz-Thonberg oder Dölitz-Dösen, wo ursprünglich zwei verschiedene Ortsteile mittels Doppelnamen zusammengefasst worden sind. Zudem sind in Leipzig im Rahmen der Stadterweiterung die Namen der Gartenstadt Marienbrunn und der Großwohnsiedlungen Grünau und Schönefeld-Ost hinzugekommen. Dass einige ältere Ortsnamen nicht in der Datenbank vorhanden sind, liegt sicherlich daran, dass sie bereits durch Gemeindefusionen Anfang des 20. Jahrhunderts an Bedeutung verloren hatten.

Deutschlandweit betrachtet sind dementsprechend in der der aktuellen BKG-Datenbank im Vergleich zur älteren Version 1.000 Einträge hinzugekommen. Dennoch weist die GN250 inzwischen deutlich weniger Ortsnamen-Einträge auf als der Vorgänger von 2014. Dies liegt ganz wesentlich an der Änderung der Kartenbasis als Quelle und der damit verbundenen Verkleinerung des Maßstabs von 1:200.000 auf 1:250.000 – mit deutlich weniger Ortsnameneinträgen für diese Maßstabsebene.

Die etwa 1.000 zusätzlichen Ortsnamen sind inzwischen in die Datenbank des Kleinen Atlas der Siedlungsnamen aufgenommen worden und haben zu einer positiven Nachverdichtung geführt. Sie ergänzen den umfangreichen BKG-Datenbank aus dem Jahr 2014, sodass der 2023 aktualisierte Atlas nun rund 64.000 Ortsnameneinträge aufweist.